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Der deutsche Filetmensch
Bernd Niquet
Wenn man einmal begonnen hat, soll man ja nicht aufhören, wenn das Material noch für ein Weiter reicht. Ich werde also auch diese Woche noch etwas über die Dinge in unserem Land schreiben, die mir auf meinen Reisen in den letzten Wochen begegnet sind und die ich für durchaus allgemeingültig halte. In der letzten Woche ging es um den Verkehr, dieses Mal wird es sich ums Essen drehen.
Die Finanzmärkte sind derzeit ja nicht so richtig erbaulich, tänzeln zwischen den Extremen hin und her. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass es noch einmal heftiger kracht. Das ist dann aber
auch die letzte Chance für die steuerfreie Alterssicherung.
Von Süden nach Norden bin ich der Nase, den Augen und dem Gaumen nach gefahren. In einer mittelalterlichen Stadt in Bayern wurden gerade die Mülltonnen gelehrt. Ich gehe durch die engen Gassen – und es stinkt erbärmlich. In diesem Moment fällt mir auf, dass in Berlin der Müll nie stinkt. Woran mag das liegen? Weil wir keine engen Gassen haben? Nein, weil es in den Großstädten kein natürliches Essen mehr gibt. Alles ist abgepackt, in Plastik eingeschweißt, und die Reste wandern folglich auch in Plastik wieder in den Müll.
Ich erinnere mich noch, wie das früher auch in Berlin anders war. Da gab es einen Hundefleischer und dort wurde für den Hund ungereinigter Magen gekauft. Und neben dem Mülleimer stand der
Garteneimer. Da hat man den Abfall ganz natürlich getrennt – lange bevor die Abfalltrennung offiziell erfunden wurde. Auf dem Lande ist das hingegen auch heute noch zum Teil so. Da gibt es noch einen unmittelbaren Bezug zum Essen, da werden Tiere noch geschlachtet und im Gemüse findet man teilweise Sand. Städtische Tiere hingegen wachsen unter Folie, das Gemüse ist aseptisch und das Obst poliert und gebohnert.
Vor diesem Hintergrund erstaunt der Blick auf die Speisekarten der Restaurants des Ortes. Früher gab es einmal Nierchen, Kutteln oder Lungenhaschee. Dann gab es Schnitzel. Und heute gibt es
Straußensteak und Pangasiusfilet. Das ist die neue lokale Küche, die sich auch im Bereich der Sterneköche findet. Da kommt man dann in einen kleinen Ort in einem wildreichen Gebiet, ist die ganze Zeit an heimischen Fischteichen vorbei gefahren und findet am Abend auf der Karte jedoch nur Dinge wie Thunfischtartar, Dorade und Exotisches. So ist es, wenn die Koordinaten ins Schwanken geraten und man den Boden unter den Füßen verliert.
Ganz oben, an der Küste, tritt der Neue Deutsche dann noch viel klarer in Erscheinung. Wahrscheinlich deshalb, weil im Norden die Luft viel klarer ist und deshalb sowieso alles viel deutlicher zu Tage tritt. Hier gibt es in jedem Restaurant das Gleiche zu essen:
Zanderfilet, Schollenfilet, Rotbarschfilet, Dorschfilet – entweder mit Salzkartoffeln oder mit Bratkartoffeln. Einen echten Fisch mit Gräten gibt es nicht mehr. Der Deutsche will sein Filet und er
bekommt sein Filet. Der Deutsche ist ein richtiger Filetmensch geworden.
Die Schattenseite des Filetdaseins ist jedoch sofort zu merken. Ein Filet ist nämlich kein Fisch, dem man an der Farbe der Kiemen und der Klarheit der Augen den Frischegrad ansieht. Als Filet geht auch stets noch das Übriggebliebene vom Vortag durch, schmeckt ja sowieso keiner, weil die übersichtlichen Filets stets so durchgebraten sind, dass vom Fischgeschmack und der typischen Konsistenz des Fisches nichts, aber auch gar nichts mehr übrig bleibt. Hier schmeckt sowieso alles wie panierte Pappe. Doch da der Neue Deutsche sowieso nichts schmeckt und nichts riecht, wie man unschwer anhand des den Seegeruch übersteigenden Parfumdufts auf der Seepromenade
merkt, sind auf diese Art prinzipiell alle glücklich und zufrieden.
Jetzt endlich sind wir Deutschen bei uns angekommen, haben unsere Mitte gefunden - das Filet. Wir lieben Filet und wie sind Filet - und alles, was uns nicht passt, das filetieren wir eben: unsere
Regierung, die Märkte, und die ganzen Auseinandersetzungen, Kriege und Probleme woanders auf der Welt. Und wenn die Menschen irgendwo noch hungern - sollen sie eben doch auch Filet essen. Oder wir schicken unsere Gräten dorthin.
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