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Armes Deutschland
Millionen Menschen aus der Mittelschicht rutschen ab Autorin : Birgit Kappel
Dieter Pramps-Kastenhuber und Hans-Joachim Homeier – zwei Männer, die zur klassischen Mittelschicht dazugehören. Zwei, die einen Job haben und ein Einkommen, das eigentlich reichen müsste für ein sorgenfreies Leben.
Dieter Pramps-Kastenhuber: "Ich tu und mach und racker und habe immer so das Gefühl, ich hechte eigentlich eher hinterher, als wie, dass ich mal an einen Punkt komme, wo ich das Gefühl habe, ich kann mal durchschnaufen."
Er ist ständig unterwegs. Dieter Pramps-Kastenhuber arbeitet als Sozialarbeiter, sucht für schwerst erziehbare Jugendliche Pflegefamilien in ganz Bayern. Auch Kastenhubers Frau arbeitet. 24 Stunden pro Woche in der Schwangerenkonfliktberatung im Gesundheitsamt Landsberg. Gemeinsam haben sie drei Kinder, wohnen in einer alten Scheune, die sie liebevoll ausgebaut haben. Das Nettoeinkommen der Familie beträgt gut dreieinhalb Tausend Euro inklusive Kindergeld. Das hört sich nicht wenig an. Doch Constanze Kastenhuber rechnet vor, was der Familie am Monatsende nach Abzug aller Fixkosten übrig bleibt und das sind gerade mal 665 Euro, macht 133 Euro pro Person.
Constanze Kastenhuber: "Darin sind Essen, Trinken, Kleidung, alles einfach, was so zum Leben dazugehört, dass man sich wünscht in der Mittelschicht, also wenn man einfach arbeiten geht, dass man ein gutes Leben hat, kein Luxus, ein gutes Leben und das kann mit 133 Euro pro Person nicht aufgehen."
Homeier aus Essen ist ein klassischer Mittelständler. Er hat eine Dachdeckerfirma mit 25 Angestellten. Außerdem ist er Kreishandwerksmeister. Er weiß also, wie es um die Firmen in seiner Umgebung bestellt ist.
Hans-Joachim Homeier: "Vor allen Dingen bei den Bau- und Ausbaubetrieben, dort fehlen die entsprechenden Aufträge mit den notwendigen Gewinnen. Hier wird wirklich für Null Mark gearbeitet. Es bleibt nichts über."
Homeier selbst hat in den letzten Jahren 250.000 Euro Privatvermögen in seine Firma gebuttert. Geld aus Zeiten, als es den Handwerkern noch besser ging. Er ist das, was man altmodisch gesprochen wohl einen Ehrenmann nennt. Jeden seiner Mitarbeiter und deren Familien kennt er persönlich und keinen einzigen hat er in den schweren Zeiten entlassen.
Thorsten Homuth, Dachdecker: "Ich kenn viele Arbeitskollegen von früher, die leben heute von Hartz IV. Es ist traurig, aber wahr. Und wo das hinführen soll, in der heutigen Zeit, weiß man nicht. Die Zukunft ist unsicher, sag ich offen und ehrlich."
Die Angst ist berechtigt. Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hat herausgefunden, dass die Mittelschicht seit dem Jahr 2000 um 5 Millionen Menschen geschrumpft ist.
Markus Grabka, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung: "Die zentrale Gefahr für Deutschland ist sicherlich, dass wenn die Mittelschicht schrumpft, auch der zentrale Pfeiler wackelt. Das heißt, diejenige Gruppe, die die größte Abgabenlast trägt, sowohl in Bezug auf die Sozialabgaben als auch in Bezug auf die Steuerlast, wenn diese schrumpft, dann ist das gesamte Finanzierungssystem Deutschlands einfach auch in Gefahr."
Was einen wie Hans-Joachim Homeier fertig macht ist, dass die Belastungen für den Mittelstand in Krisenzeiten, in denen es darum geht Arbeitsplätze zu erhalten, nicht etwa zurückgegangen sind, sondern im Gegenteil immer höher werden.
Hans-Joachim Homeier: "Hier sehen Sie ein ordnungsgemäß funktionierendes Fahrzeug, welches einen Dieselmotor hat und nach den Vorschriften am Ende diesen Jahres nicht mehr eingesetzt werden darf. Wir haben acht Stück von diesen Apparaten, die müssten wir alle verschrotten, um dann acht neue Fahrzeuge zu kaufen. Kostenpunkt rund gerechnet eine viertel Million Euro. Ich darf Ihnen sagen, dieses Geld steht in der Firma nicht zur Verfügung. Ich weiß nicht wie wir dann überhaupt noch unsere Baustellen anfahren sollen."
Markus Grabka, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung: "Wenn der Mittelstand weiter unter der Verunsicherung leidet, wird er sicherlich weniger bereit sein, hier weiter zu investieren und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Das wäre natürlich für Deutschland ausgesprochen negativ, weil der Mittelstand derjenige ist, der in Deutschland in den letzten Jahren besonders viele Arbeitsplätze neu kreiert hat."
Hans-Joachim Homeier wird seinen Dachdeckerbetrieb jetzt abgeben, an seinen Neffen und einen engen Mitarbeiter. Und er ist froh darüber. Denn was ihn noch am allermeisten ärgert, ist der große bürokratische Aufwand, der in den letzten Jahren exorbitant zugenommen hat.
Hans-Joachim Homeier: "Vor 40 Jahren, als ich noch jung war, hatte ich selber die Möglichkeit eine Steuererklärung zu machen, was heute nicht mehr möglich ist. Da war diese Steuererklärung fünf Seiten stark und das reichte aus. Ich habe mir die Mühe gemacht jetzt mal vom Jahre 2007 die Steuererklärung an der Seitenzahl zu messen und komme auf insgesamt, man glaubt es nicht, auf 126 Seiten. Das ist unser Staat."
Auch Familie Kastenhuber weiss, was es bedeutet, Zusatzleistungen aufbringen zu müssen, die es früher so nicht gegeben hat. Sohn Joscha trägt seit einiger Zeit eine Zahnspange. Drei verschiedene Ärzte haben das geraten. Die Krankenkasse zahlt trotzdem nicht. Kosten: 4.000 Euro. Zahnspange statt Klavier, heißt es deshalb bei den Kastenhubers. Obwohl es ein Familienerbstück ist, wird das 130 Jahre alte Schmuckstück jetzt verkauft.
Constanze Kastenhuber: "Ich liebe dieses Instrument, weiß aber auch, dass ich das Geld jetzt brauche, einfach um unser Konto zu sanieren, die Zahnspange zu finanzieren und dadurch unseren Alltag wieder ein bisschen leichter zu machen. Es steht im Moment ungenutzt, es war eine Vernunftentscheidung. Aber mein Herz blutet schon."
Familie Kastenhuber und Hans-Joachim Homeier – Menschen, die Arbeit haben, Steuern zahlen und Verantwortung tragen. Sie sind das Rückgrat der Gesellschaft. Die klassische Mittelschicht. Fragt sich allerdings, wie lange noch.
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