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Die Macht des Volkes von Dr. Bernd Niquet
Wie herrlich, dass es fuer den normalen Menschen doch noch moeglich scheint, einen winzigen Einfluss auf das grosse Weltgeschehen zu nehmen. Die Proteste gegen den Olympischen Fackellauf haben diesen fuer kurze Zeit gestoppt. Der Sta- chel, der den Chinesen hier im Fleisch sitzt, wird immer dicker, und die Entzuendung dort herum immer eitriger.
Dass die Chinesen sich von all dem nichts anmerken lassen, aendert daran nichts. Auch die chinesische Mauer wird frueher oder spaeter fallen. Der stete Tropfen nagt am Stein. Und die Olympischen Spiele leisten einen grossen Beitrag dazu. Gaebe es keine Spiele in China, wuerde heute niemand ueber Tibet sprechen. Wie herrlich, dass man eben doch Einfluss nehmen kann.
Die Gefuehle beim Anblick der Fernsehbilder sind maechtig. Doch kurz danach kommen sie dann wieder, die ganz normalen Sachen, die Sachverwalter, die Sachzwaenge, die Schachtelhuber, Postenverwalter, Bedenkenverwalter. Der Sportdezernent beim Ministerium sagt, der zustaendige Staatssekretaer sagt, der Senatsbeauftragte fuer den Sport sagt, der Sprecher des Verbandes sagt, die Sportvertretung sagt, die Sportinteressenvertretung sagt, alle sagen, was alle sagen, bis alles gesagt ist, und zwar von jedem. Doch letztlich ist gar nichts gesagt.
Alles versickert, verkuemmert, wird hin- und hergeschossen in einem riesigen Netzwerk aus Leuten, die zu entscheiden haben, die nicht zu entscheiden haben, die wichtig sind und nicht wichtig sind, die Geld dafuer kassieren, die viel Geld dafuer kassieren und die sehr viel Geld dafuer kassieren. Und bedeutend, bedeutender und am bedeutendsten werden. Die mitreden koennen, wollen, muessen, Reden halten, hinter den Kulissen tuscheln, Vorredner, Nachredner, wichtig, wichtig, wichtig allesamt. Medienaufmerksamkeit. Bedeutung bedeutend.
Und dann wird irgendwo ein Baby im Wald gefunden, und die ganze Maschinerie macht kehrt und laeuft von Neuen an. Die Armee sucht den Wald ab, die Luftwaffe betreibt Aufklaerung, Infrarotgeschuetze, Sonderkommissionen, mehrere Millionen fuer ein totes Baby. Doch wenn dann der Nachbar um die Ecke mit Messern bedroht wird, dann ist nirgendwo jemand zu Stelle. Wir kommen einfach nicht mehr durch den Wust. Wir gehen unter in unseren eigenen Fallstricken. Und wir sind gefesselt durch unsere eigenen Haltegurte.
Der Rechtsstaat ist zu hundert Prozent damit befasst, sich mit seiner eigenen Rechtsstaatlichkeit auseinander zu setzen. Rechtsbrecher aller Art kommen dabei ungeschoren davon. Wir beschliessen zwar immer neue Gesetze, doch zum Ausfuehren fehlt uns schlichtweg die Kapazitaet. Das kleine Maedchen steht derweil in der Naehe und sagt zu seiner Mama: "Warum machen die denn das, wenn die das doch gar nicht duerfen?"
Ja, was hat das fuer Auswirkungen, wenn Gesetze zwar existieren, aber nicht mehr durchgesetzt werden, weil es nur noch Schwadronierer gibt?
Unsere Kinder werden einmal so werden, wie wir es ihnen als Gesamtheit vorleben. Das ist sicherlich die schlimmste Nachricht dieses Jahrzehnts.
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