Dabei ist dieser beschriebene Mechanismus nur eine Variante. Man könnte ihn auch umgekehrt betrachten. Das Outsourcing staatlicher Kompetenzen, die Deregulierung, die auch immer eine Deregulierung gesamtgesellschaftlicher Normen bedeutet, befördert und begünstigt die Entstehung eines Sozialcharakters, dem private Normen wichtiger sind als alle übergeordneten anderen. Dazu gehören der kleine Steuerhinterzieher, Versicherungsbetrüger und Abrechnungstrickser genauso wie der Infineon-Gewaltige, der sich bei satten Bezügen noch schnell ein paar Hundertausend Euro Spielgeld genehmigt. Helmut Kohls "geistig-moralische Wende" von 1982 hat die persönliche Vorteilnahme als gesamtgesellschaftliches Paradigma abgesegnet, die Folgen sind mehr als virulent. Die "Grenzmoral", wie der Korruptionsforscher Hartmut Schweitzer in seinen brillanten Grundlagen einer Theorie der Korruption feststellt, ist zur Normalität geworden. "Was gerade noch legal" ist oder schon im Graubereich west, ist üblich, normal, gar normativ ("Ich wär ja blöd, wenn ich`s nicht täte ..."

geworden. Und diese Art von Korruption oder "Proto-Korruption" durchzieht alle gesellschaftlichen Milieus, Schichten und Klassen. Sie zeigt, so Schweitzer, keine kulturpessimistisch zu beklagende Dekadenz an, sondern ist Indikator für "tiefgreifende, vielleicht unüberbrückbare Gegensätze in der Gesellschaft".
Das fehlende Unrechtsbewusstsein - wir kennen alle die triumphierenden Fratzen der Korrumpels, Vorteilsnehmer, Unterschleifer und Durchstecher bis zum Abwinken - hat genau mit diesem clash of norms zu tun. Die eigene Vorteilnahme scheint ein stabilerer Wert zu sein als alles andere. Und ist vor allem kulturell eingeübt und beglaubigt. Über das ständige Trommelfeuer der Bilder, die Menschen nicht nur als reich, glücklich, gesund und schön zeigen, sondern damit auch als "kultiviert". Unglücksbilder von verhungerten Kindern, geschundenen Volksgruppen, Genozidopfern und anderen Unerfreulichkeiten mehr (die nach Ablass in Form von Spenden verlangen) haben auch etwas "unkultiviertes". Da sind wir doch die gehobenere Zivilisation mit unserer Präsentationskultur aus Musical, Spektakel mit kulturbetriebskompatiblen Provogesten, samtenen Hochkultur-Events nach den Strickmustern des 19. Jahrhunderts. Ja, auch mit unseren angeblichen Gesellschaftsanalysen, vorgetragen mit museumsreifen erzählerischen oder süffigen filmischen Mitteln. Kultur hat sich dem Druck des Marktes ergeben, hat sich ebenfalls in die Marketing-Abteilungen outsourcen lassen und funktioniert dort prächtig. Solange sie nicht wehtut, solange sie schöne Fluchtbedürfnisse in einer kalten Welt bedient. Gerade da, wo sie thematisch mit Verbrechen, Gewalt, Ethik zu tun haben müsste, ist sie besonders märchenhaft, regressiv und zahnlos. Dass einmal Donna Leon oder Henning Mankell in einem Atemzug mit Form- und Wahrnehmungszertrümmerern, mit Skeptikern und Saboteuren der jeweiligen (schlechten) Gegenwart, mit Gegenbildnern und Untergräbern offiziöser Verlautbarungen wie Dashiell Hammett oder Georges Simenon genannt werden würden, hätte man vor 20 Jahren als genauso grotesk empfunden wie das Verbot, den inneren S-Bahn-Ring von Berlin zu überfliegen. Schon Niklas Luhmann wusste: "Ideengut kann im Verhältnis zur Gesellschaft, die es benutzt, nicht beliebig variieren." Also, wen wundert´s? Willkommen in der Realität!